Artikel aus "Der Spiegel": Vorsicht, Medizin!

Nutzlose Pillen, unnötige Operationen, riskante Therapien - viele Maßnahmen der modernen Heilkunde schaden mehr, als sie nützen. Nun warnen Ärzte vor den Gefahren der Übertherapie und fordern ein radikales Umdenken: Weniger Medizin sei gesünder.

Wann immer Ernst König zum Doktor ging, bekam er mehr Medizin: Allopurinol, Ezetimib, Molsidomin, Repaglinid - zwölf verschiedene Tabletten musste er zuletzt jeden Tag schlucken.

"Warum mein Arzt mir die Sachen verschrieben hatte, war mir bald gar nicht mehr klar", sagt König, 88. Sein Haar leuchtet schneeweiß, dunkle Altersflecken übersäen sein Gesicht. Aus der Schublade des Nachttischs kramt er einen Zettel hervor. Fein säuberlich hat er darauf geschrieben, zu welcher Uhrzeit er welche Pille zu nehmen habe.

Doch nun beachtet König die Liste nicht mehr. Als er vor einiger Zeit aus München zur Tochter in die Oberpfalz zog, wechselte er auch den Arzt.

"Ich bin erschrocken, als ich die Latte mit den ganzen Medikamenten gesehen habe", sagt der neue Doktor, der Allgemeinmediziner Frederik Mader aus Nittendorf. Mader, 40, trägt Polohemd, Turnschuhe und stellt die Arzttasche ab. "Die Hälfte der Medikamente hat dem alten Herrn gar nicht genutzt, sondern ihm eher geschadet."

Die Pillen gegen Alterszucker, den Blutverdünner, das Mittel gegen Gicht, die Tabletten gegen Arterienverkalkung, den Cholesterinsenker und auch die Spritze gegen Prostatakrebs hat Hausarzt Mader abgesetzt - und damit Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerz, Durchfall, Leberschäden, Magengeschwüre und andere drohende Nebenwirkungen ausgeschlossen.

PfeilZum Volltext: Blech J. Vorsicht, Medizin! Der Spiegel 2011;62(33):116-26

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Zuletzt verändert: 12.09.2011