Mammographie-Screening weiterhin in der Kritik

Das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. (DNEbM) fordert eine wissenschaftsbasierte Berichterstattung in den Medien.

Das niederländische Mammographie-Screening Programm galt bisher als Vorzeigeprojekt der Screening-Befürworter. Nun aber wurde eine Auswertung der niederländischen Daten mit ernüchternden Ergebnissen publiziert. Demnach wäre ein relevanter Einfluss des Screenings auf die Brustkrebssterblichkeit und fortgeschrittene Krebsstadien nicht nachweisbar. Hingegen erscheint der Anteil an Überdiagnosen und Übertherapien erheblich. Das Ausmaß an Überdiagnosen hätte sich mit der Einführung von sensitiveren Screening­verfahren wie der digitalen Mammographie verschärft, so die Autoren der Studie. Ähnliche Ergebnisse auf Bevölkerungsebene wurden bereits früher aus anderen Ländern berichtet. Auch wenn derartige rein beobachtende Analysen nur eingeschränkt aussagekräftig sind, um Nutzen und Schaden von Krebsfrüherkennung zu quantifizieren, so schüren sie doch weiter die Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Mammographie-Screenings. Wenn medizinische Eingriffe mehr schaden als nutzen, dürfen sie nicht durchgeführt werden.

In den deutschen Medien wird hingegen weiterhin für das Mammographie-Screening gewor­ben oder es werden noch sensitivere Untersuchungsverfahren gefordert, ohne auf den mög­lichen Schaden oder den insgesamt eher fraglichen und allenfalls geringen Nutzen des Screenings zu verweisen.

Anlass dieser Pressemeldung des DNEbM ist ein Artikel, der kürzlich unter dem Titel „Ein Plädoyer für die Mammographie“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung publiziert wurde. Die Verfasser sind nicht unabhängige Journalisten, sondern die Leiter mehrerer Mammo­graphie-Referenzzentren in Deutschland. Der Artikel ist eine Werbung für das Mammographie-Screening: „Mammographien retten Leben“ und „Frauen muss weiterhin unbedingt zur Teil­nahme am Screening-Programm geraten werden“, so die Autoren. Auch wenn der Artikel aus­drücklich als Gastbeitrag ausgewiesen ist, so widerspricht ein solch einseitiges Vorgehen einer verantwortungsvollen medizinischen Berichterstattung. Öffentliche Werbung für medizinische Untersuchungen ist zudem untersagt.

Ähnlich irritierend ist ein aktueller Beitrag in der ZDF Sendung Frontal 21 mit dem Titel „Uner­kannter Brustkrebs. Lücken bei der Vorsorge.“ Hier wird das Schicksal einer Frau präsen­tiert, bei der ein Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wird, obwohl die kürz­lich durchgeführte Mammographie unauffällig war. Als Ursache für den falsch negativen Befund wird das dichte Brustgewebe dieser Patientin angeschuldigt. Die Autoren fordern daher bei dichtem Brustgewebe zusätzlich zur Mammographie generell eine Ultraschallunter­suchung als Kassenleistung. Es wird zwar deutlich, dass auch ein zusätzlicher Ultraschall kein Garant für das Aufspüren von Krebsherden ist. Fälschlicherweise wird jedoch der Eindruck erweckt, als hätte die betroffene Patientin bei früherer Diagnose mit zusätzlichem Ultraschall die Sicherheit einer besseren Prognose. Zweifel am Nutzen und ein möglicher Schaden von Brustkrebsfrüherkennung bleiben gänzlich unerwähnt. So fehlen Hinweise darauf, dass mit sensitiveren Verfahren wie einem zusätzlichen Ultraschall oder MRT noch mehr Überdiagno­sen und Übertherapien zu erwarten sind. Das eigentliche Problem wird in dem Fernsehbeitrag hingegen nicht adressiert. Die Patientin war offenbar nicht darüber aufgeklärt worden, dass keine Früherkennungsuntersuchung alle relevanten Krebsherde finden kann und dass sich somit auch bei einer unauffälligen Mammographie ein Brustkrebs erst durch Beschwerden be­merkbar machen kann.

Das DNEbM nimmt diese aktuellen Medien-Beiträge zum Mammographie-Screening neuerlich zum Anlass, um eine ausgewogene, wissenschaftsbasierte und unabhängige Berichter­stattung einzufordern. Das DNEbM hat dazu die Gute Praxis Gesundheitsinformation und eine Leitlinie Gesundheitsinformation publiziert. Diese geben Anleitungen für Journalisten und andere Ersteller von Gesundheitsinformationen, welche Kriterien bei der Kommunikation von medizinischen Themen zu berücksichtigen sind.

Zudem sei darauf verwiesen, dass Bürger und Bürgerinnen einen rechtlichen Anspruch auf informierte Entscheidungen für oder gegen die Teilnahme an Krebsfrüherkennungsunter­suchungen haben. Informationsmaterialien zur Krebsfrüherkennung stellt unter anderem das IQWiG zur Verfügung (www.gesundheitsinformation.de).

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Zuletzt verändert: 21.12.2017