Offener Brief an Bundesgesundheitsminister Spahn

Anlässlich der Berufung von Jens Spahn zum Bundesgesundheitsminister fordert das DNEbM eine konsequente Umsetzung evidenzbasierter Medizin im Gesundheitswesen ein.

Sehr geehrter Herr Bundesminister,

das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. (DNEbM) gratuliert Ihnen zur Berufung in dieses verantwortungsvolle Amt und wünscht Ihnen gutes Gelingen.

Das DNEbM ist das deutschsprachige Kompetenz- und Referenzzentrum für alle Aspekte der evidenz- und wissenschaftsbasierten Medizin. Wir möchten zu Ihrem Amtsantritt die Gelegenheit wahrnehmen, die konsequente Umsetzung evidenzbasierter Medizin im Gesundheitswesen mit Nachdruck einzufordern.

Eine kürzlich publizierte, vielbeachtete internationale Studie hat elf wohlhabende Länder ver­glichen (USA, UK, CA, DE, AU, JP, SE, FR, NL, CHE, DK) [Papanicolas et al. JAMA 2018] und dabei deutliche Versorgungsunterschiede hervorgehoben. Diese lassen sich kaum medizinisch erklären, sondern verweisen vielmehr auf Über-, Unter- und Fehlversorgung in Deutschland. So ist der Hüft- und Kniegelenksersatz oder die Entfernung der Gebärmutter in Deutschland weitaus häufiger als in anderen Ländern. Mit welcher medizinischen Rechtfertigung wird in Deutschland bei 301 von 100 000 Frauen die Gebärmutter entfernt im Vergleich zu 167 in den Niederlanden? Auch Kaiserschnitte, koronare Bypassoperationen und andere Eingriffe werden in Deutschland überdurchschnittlich häufig durchgeführt. Beeindruckend ist auch die Häufigkeit der jährlichen Krankenhausbehandlungen, bei der Deutschland mit Abstand führend ist. Und wieso haben Menschen in Deutschland fast die niedrigste Lebenserwartung unter allen verglichenen Ländern? Im Vergleich zum Nachbarland Schweiz ist sie sogar um 2,3 Jahre geringer.

Diese deutlichen Unterschiede sind Anzeichen dafür, dass die Gesundheit der deutschen Bevölkerung durch Faktoren beeinflusst wird, die nichts mit Medizin, sondern mit politisch bedingten medizinischen Rahmenbedingungen zu tun haben. Manche Faktoren scheinen klar zu sein, andere nicht. Wieviel besser könnte die Versorgung in Deutschland sein, wenn wir diese Faktoren genau kennen würden, ehrlich benennen und konsequent ändern würden, um aus einem "teuren und mittelmäßigen" Gesundheitswesen (Süddeutsche Zeitung, 14. März 2018) ein hervorragendes und effizientes Gesundheitswesen zu machen?

Unserer Ansicht nach braucht es eine planmäßige Umsetzung evidenz- und wissenschafts­basierter Medizin auf allen Ebenen – von den Curricula der Ausbildung in den Gesundheits­berufen, der Bildung der Bevölkerung zur kritischen Beurteilung von Gesundheitsangeboten, dem konsequenten Angebot evidenzbasierter Informationen für alle Beteiligten im Gesundheitswesen, der konsequenten Umsetzung evidenzbasierter Empfehlungen in Gesundheitsleistungen und den zugrundeliegenden Strukturen. Evidenz ist oft vorhanden, sie muss nur erkannt und implementiert werden. Dafür braucht es unseres Erachtens den Mut, transparent und ehrlich Fehlsteuerung und Verschwendung zu erfassen und klar zu benennen, und evidenzbasierte Lösungen politisch umzusetzen.

Wir werden uns gerne mit unserer Expertise in diesen politischen Prozess einbringen, um die gezielte Implementierung einer evidenzbasierten Gesundheitsversorgung zu befördern.

Mit freundlichen Grüßen

Der geschäftsführende Vorstand des DNEbM

 

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Zuletzt verändert: 28.03.2018