Substitution oder Medikalisierung gesunder Frauen?

In der aktuell erschienenen EbM-Kolumne im Journal der KV Hamburg setzt sich Ingrid Mühlhauser mit der Frage auseinander, wieviel Evidenz die Hormontherapie in der Menopause braucht.

Im Jahr 2002 wurde die große amerikanische Frauengesundheitsstudie WHI zur präventiven Behandlung mit Sexualhormonen nach fünf Jahren vorzeitig abgebrochen. Die randomisiert-kontrollierte Studie (RCT) sollte endgültig den Nutzen der Hormontherapie belegen.

Primäres Ziel war es Herz-Kreislaufkomplikationen um mindestens 25 % zu reduzieren. Statt der erhofften Abnahme gab es jedoch mehr Herzinfarkte und Schlaganfälle und die Brustkrebsrate hatte mit einer Zunahme um etwa 25 % die prädefinierte Sicherheitsschranke überschritten. David Sackett, einer der Begründer der Evidenzbasierten Medizin (EbM), sprach in einem Leitartikel von der "Arroganz der präventiven Medizin".

Zu diesem Zeitpunkt waren nämlich bereits weltweit millionenfach Frauen in der Post-/Menopause mit Östrogenen und Gestagenen behandelt worden mit dem falschen Versprechen, Krankheiten zu verhüten und das Leben zu verlängern. Zudem sollte die Anti-Age Therapie so gut wie alle Beschwerden des Alterns mildern und sogar von den Bürden des Alltags befreien.

Der wissenschaftliche Beleg aus RCTs mit klinisch relevanten Endpunkten fehlte jedoch. Die Frauenärzte propagierten trotzdem die Hormontherapie. Sie bemühten pathophysiologische Konstrukte, die Frauen zu Hormonmangelwesen definierten. Sie verglichen die Menopause mit dem Insulinmangel bei Typ-1-Diabetes – ein weiterhin bemühter, aber völlig unzulässiger Vergleich, da Menschen mit Typ-1-Diabetes ohne Insulinsubstitution innerhalb kurzer Zeit versterben. Die Substitution mit Insulin gilt als Beispiel für einen dramatischen Behandlungseffekt. Er erfordert keine weitere Beweisführung durch experimentelle Studien. Der kausale Zusammenhang ist augenscheinlich. Insulin ist lebensrettend, ebenso wie der Fallschirm beim Absprung aus dem Flugzeug.

Ob eine medizinische Behandlung altersassoziierte Veränderungen und Beschwerden verhindern oder mildern kann, lässt sich hingegen nur mit qualitativ hochwertigen prospektiv geplanten RCTs belegen. Nichtexperimentelle Beobachtungsstudien sind hierfür ungeeignet. Im Gegenteil, bei der post-/menopausalen Hormontherapie haben sie durch Vortäuschung von positiven Effekten in die Irre geführt.

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Zuletzt verändert: 03.05.2018