arznei-telegramm: Unabhängige Arzneimittelinformation darf nicht verloren gehen

08.10.2026. Mit dem angekündigten Ende des arznei-telegramms zum Jahresende 2026 droht eine wichtige Stimme für unabhängige und kritische Arzneimittelinformation zu verstummen. Das EbM-Netzwerk würdigt die jahrzehntelange Arbeit von Herausgeber und Redaktion und hofft, dass doch noch Wege für einen Fortbestand gefunden werden.

Seit 1970 erscheint monatlich die medizinische Fachzeitschrift „arznei-telegramm“ (a-t). Jetzt kündigte der Chefredakteur und Herausgeber, Wolfgang Becker-Brüser, das Ende der Zeitschrift mit der Dezemberausgabe 2026 an. Aus Sicht des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin ist dies sehr bedauerlich.

Ein wesentliches Element der Evidenzbasierten Medizin ist das Critical Appraisal, also die kritische Bewertung wissenschaftlicher Evidenz. Genau dafür stand das a-t über Jahrzehnte: für eine unabhängige, sorgfältige und konsequent kritische Einordnung von Arzneimitteln und pharmakotherapeutischen Entwicklungen. Damit hat das a-t einen wichtigen Beitrag zu einer evidenzbasierten und industrieunabhängigen Arzneimittelinformation in Deutschland geleistet. Neben dem sogar noch etwas früher gegründeten Arzneimittelbrief war das a-t die relevante Industrie-unabhängige, kritische medizinische Fachzeitschrift mit Fokus auf die Pharmakotherapie. Seit dem Jahr 2000 wurden die Arzneimittelbewertungen auch zusätzlich in einer Datenbank bereitgestellt. Das Archiv des a-t und die Arzneimitteldatenbank sollen auch weiterhin zugänglich bleiben. Ohne eine kontinuierliche Aktualisierung werden diese Informationsbestände jedoch unvermeidlich veralten.

Als Hauptgründe für das Ende des a-t gibt Becker-Brüser seinen altersbedingten Ruhestand und eine bislang nicht gelungene Nachfolgeregelung an. Für seine jahrzehntelange Arbeit und sein Engagement für eine unabhängige und kritische Arzneimittelinformation gebühren ihm große Anerkennung und Respekt. Ebenso gilt unser Dank dem gesamten Team sowie den Autorinnen und Autoren, die das arznei-telegramm über viele Jahre geprägt haben.

Gerade weil das a-t eine so besondere Stellung in der deutschsprachigen medizinischen Publikationslandschaft einnimmt, wäre es aus Sicht des EbM-Netzwerks sehr zu wünschen, dass die Suche nach Möglichkeiten für einen Fortbestand noch nicht abgeschlossen ist. Eine Institution wie das a-t mit ihrer über Jahrzehnte gewachsenen Expertise, ihrer festen Leserschaft und ihrer hohen Bedeutung für eine unabhängige Arzneimittelinformation lässt sich nur schwer ersetzen. Das EbM-Netzwerk möchte daher Herausgeber, Redaktion und alle möglicherweise beteiligten Institutionen ermutigen, weiterhin zu prüfen, ob sich neue organisatorische, personelle oder institutionelle Modelle finden lassen, die zumindest wesentliche Elemente dieses Angebots erhalten könnten.

Denn der Bedarf an unabhängiger, kritischer Bewertung medizinischer Evidenz ist keineswegs geringer geworden – im Gegenteil. Die Zahl wissenschaftlicher Publikationen wächst, neue Arzneimittel kommen in immer kürzeren Abständen auf den Markt und zugleich wird es zunehmend anspruchsvoll, relevante von weniger belastbarer Information zu unterscheiden.

Für Menschen mit Erfahrung im Critical Appraisal bot das arznei-telegramm einen verlässlichen und zeitsparenden Zugang zu bereits sorgfältig bewerteter Evidenz. Für diejenigen, die diese Fähigkeiten erst erwerben, war und ist es zugleich ein anschauliches Beispiel dafür, wie Evidenz kritisch gelesen, eingeordnet und für die Praxis aufbereitet werden kann.

Sollte das arznei-telegramm tatsächlich Ende 2026 eingestellt werden, würde dies daher eine erhebliche Lücke in der deutschsprachigen Landschaft der Evidenzbasierten Medizin und der unabhängigen Arzneimittelinformation hinterlassen. Wir hoffen sehr, dass sich vielleicht doch noch ein Weg findet, die Arbeit der a-t-Redaktion in geeigneter Form fortzuführen.

 

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