"Hier schlägt das Herz der evidenzbasierten Medizin“ – Rückblick auf den Kongress „Gesundheit gestalten“

05.10.2026. „Hier schlägt das Herz der evidenzbasierten Medizin!“ – mit dieser Titelschlagzeile erschien zum Kongress „Gesundheit gestalten“ in Göttingen ein Extrablatt der Ärzte Zeitung. Treffender hätte man die drei Kongresstage aus Sicht des EbM-Netzwerks kaum zusammenfassen können.

Vom 30. September bis 2. Oktober 2026 kamen in Göttingen die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), die Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und das Netzwerk Evidenzbasierte Medizin erstmals zu einem gemeinsamen Jahreskongress zusammen. Unter dem Motto „Gesundheit gestalten – Gemeinsam gesellschaftlichen Herausforderungen begegnen“ verband das umfangreiche Programm Perspektiven aus Versorgung, Public Health, Sozialmedizin, Medizinischer Soziologie und Evidenzbasierter Medizin.

Mehr Evidenz – aber nicht automatisch bessere Medizin

Die Keynote des EbM-Netzwerks hielt Prof. Carl Heneghan, Hausarzt und Direktor des Centre for Evidence Based Medicine der Universität Oxford. Unter dem Titel „Evidence-Based Medicine at 30: Progress, Limitations, and Future Directions“ zog er eine kritische Bilanz aus 30 Jahren Evidenzbasierter Medizin.

Während zu Beginn der EbM-Bewegung vor allem der mangelnde Zugang zu Forschungsergebnissen ein Problem war, steht heute eine kaum noch überschaubare Zahl wissenschaftlicher Publikationen zur Verfügung. Doch mehr Evidenz und mehr Medizin bedeuten nicht automatisch mehr Gesundheit. Heneghan thematisierte unter anderem Publication Bias, nicht veröffentlichte Forschungsdaten und Überversorgung. Anhand von Beispielen wie Oseltamivir zeigte er, welche Folgen eine unvollständige oder verzerrte Evidenzbasis für medizinische Entscheidungen haben kann.

Sein Plädoyer: Wir brauchen vertrauenswürdige Evidenz mit patientenrelevanten Endpunkten – und eine Evidenzbasierte Medizin, die nicht nur zusätzliche Diagnostik und Therapie begründet, sondern ebenso dabei hilft zu entscheiden, wann weniger Medizin die bessere Medizin ist.

„Wir sind super im Aufstocken, aber im Weglassen tun wir uns extrem schwer“

An dieses Thema knüpfte auch Prof. Martin Scherer in der abschließenden DEGAM-Keynote „Gesundheit gestalten – zwischen Medizinoverkill, verpasster Verhältnisprävention und verschleppten Reformen“ an. Er nahm Überdiagnostik und Medikalisierung ebenso in den Blick wie den Reformstau im deutschen Gesundheitswesen und die zu geringe Bedeutung wirksamer Verhältnisprävention.

Dabei stellte er die Frage, wie ein Gesundheitswesen mit begrenzten Ressourcen Prioritäten setzen sollte: „Wir sind super im Aufstocken, aber im Weglassen tun wir uns extrem schwer.“ Fortschritt bedeute deshalb nicht nur, immer mehr zu tun, sondern besser zu entscheiden, was getan und was gelassen werden sollte – und diese Entscheidungen auch in geeignete Versorgungsstrukturen zu übersetzen.

Damit zeigten die beiden Keynotes aus unterschiedlichen Perspektiven eine zentrale Herausforderung moderner Gesundheitsversorgung: Nicht die größtmögliche Menge an Medizin, sondern der gezielte Einsatz wirksamer, sinnvoller und evidenzbasierter Maßnahmen sollte im Mittelpunkt stehen.

Hufeland-Lecture: Blick zurück auf die Anfänge der EbM

Ein besonderer Höhepunkt des Kongresses war auch die diesjährige Hufeland-Lecture. Mit dieser Ehrenvorlesung würdigt die Stiftung Allgemeinmedizin Persönlichkeiten für ihr Lebenswerk. 2026 wurde Prof. Dr. Wilhelm Niebling vom Universitätsklinikum Freiburg ausgezeichnet.

Unter dem Titel „Hausärztliche Pharmakotherapie: Entwicklungen, Chancen und Risiken – ein Erlebnisbericht“ verband Niebling persönliche Erfahrungen aus mehreren Jahrzehnten Allgemeinmedizin mit Entwicklungen in Wissenschaft und Versorgung. Dabei erinnerte er auch an die Anfänge der Evidenzbasierten Medizin in Deutschland, u.a. an das 1. Symposium Evidence-Based Medicine im März 1998 in der Kaiserin Friedrich Stiftung in Berlin, und an wichtige Meilensteine der Implementierung von EbM.

Seine Rückschau machte deutlich: Die Evidenzbasierte Medizin hat in den vergangenen Jahrzehnten viel erreicht. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Diskussionen über verzerrte Forschung, Informationsüberflutung, Überversorgung, Prävention und begrenzte Ressourcen, wie viel weiterhin zu tun bleibt.

Vier Fachgesellschaften, viele gemeinsame Themen

Gerade darin lag die besondere Stärke des Göttinger Kongresses. Er brachte unterschiedliche Perspektiven zusammen und ermöglichte den fachübergreifenden Austausch über die großen Herausforderungen unseres Gesundheitswesens – von evidenzbasierter Versorgung und Prävention über soziale Determinanten von Gesundheit bis hin zu Gesundheitspolitik und neuen Versorgungsmodellen.

Dass die Ärzte Zeitung ihren Kongressbericht mit den Worten „Hier schlägt das Herz der evidenzbasierten Medizin!“ überschrieb, freut uns daher ganz besonders.

Wir danken allen, die diesen außergewöhnlichen gemeinsamen Kongress mit Vorträgen, Diskussionen, Workshops, wissenschaftlichen Beiträgen und vielen persönlichen Begegnungen gestaltet haben.

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