Ein Programm für alle – aber nicht das Gleiche für alle? Mammographie-Screening zwischen Population und individuellen Risiken und Informationsbedürfnissen
Krebsfrüherkennung nach individuellen Risikoprofilen anpassen, Informationen und Kommunikation der Bürgerinnen und Bürger zur Aufklärung über Screeningprogramme stärker individualisieren – dies waren zentrale Diskussionsthemen, die sich durch das zweite EbM-Forum zogen. Unter dem Titel „Bewertung des Nutzens und Schadens von Krebsfrüherkennungsprogrammen: Wie kann die Evidenz zum Mammographie-Screening verbessert werden?“ widmete sich die Veranstaltung mit mehr als 90 Teilnehmenden methodischen Fragen rund um die Evaluation dieser Programme und die Aufbereitung der Ergebnisse für Bürgerinnen und Bürger.
Moderiert von Dr. Monika Lelgemann diskutierten vier Panel-Mitglieder aus klinisch-epidemiologischer, ärztlicher und Patientinnenperspektive die Weiterentwicklung des bevölkerungsbasierten Mammographie-Screenings. Prof. Dr. Alexander Katalinic, Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität zu Lübeck, betonte, dass das Mammographie-Screening weltweit zu den am besten untersuchten Angeboten der Krebsfrüherkennung zählt. Zugleich wurde deutlich: Wichtige Forschungsfragen bleiben offen.
Ein Schwerpunkt lag auf der Frage, ob Screeningintervalle künftig stärker an individuelle Risikoprofile angepasst werden sollten. Steffi Stegen, Vorstandsmitglied des BRCA-Netzwerks, und Prof. Dr. Martin Scherer, Direktor des Instituts und der Poliklinik für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, sahen darin ein wichtiges Ziel. Die klinisch-epidemiologischen Experten Prof. Dr. Alexander Katalinic und Prof. Dr. André Karch (Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität Münster) wiesen jedoch auf methodische Hürden hin: Risikogruppen müssten zuverlässig anhand multipler Risikofaktoren identifiziert werden können – dies sei derzeit noch nicht ausreichend sicher möglich. Auch ethische Fragen im Zusammenhang mit notwenigen Gentests für die individuelle Risikoabschätzung wurden im Plenum angesprochen. Als kurzfristiger umsetzbar wurde dagegen der gezielte Einsatz kombinierter diagnostischer Verfahren für bestimmte Gruppen diskutiert, etwa für Frauen mit dichtem Brustgewebe. Ein weiterer zentraler Diskussionsstrang betraf die Kommunikation von Nutzen und Schaden des Screenings. Ausgangspunkt war die bereits im vergangenen Jahr – auch vom EbM-Netzwerk – kritisierte Ergebnisdarstellung der ZEBra-MSP-Studie zum Effekt des bundesweiten Mammographie-Screenings auf die brustkrebsspezifische Mortalität. Kritisiert wurde unter anderem, dass Effekte ausschließlich als relative Risiken dargestellt wurden. Prof. Dr. André Karch, Leiter der ZEBra-MSP-Studie, verwies auf die methodische Herausforderung, absolute Effekte für unterschiedliche Subgruppen belastbar zu schätzen. Der durch gruppenspezifische Effektschätzungen bedingte „Zahlensalat“, so ein O-Ton aus der Veranstaltung, könne zusätzlich die Verständlichkeit von Informationen für Bürgerinnen und Bürger limitieren und wohlinformierte Entscheidungen erschweren.
Dabei, und dies wurde deutlich, besteht gerade in Umfang, Art und Inhalt der Informationen, die die adressierten Frauen zum Screeningprogramm mit der Einladung erhalten, ein mehrfacher Optimierungs- und Forschungsbedarf. Diskutiert wurde daher nicht nur, wie Zahlen zu Nutzen und Schaden dargestellt werden sollten, sondern auch, welche Informationen Frauen für ihre Entscheidung benötigen und wie sie je nach Gesundheitskompetenz, Lebenssituation und persönlichem Unterstützungsbedarf besser erreicht und in der Entscheidung unterstützt werden können.
Obwohl das Forum keine unmittelbaren Lösungsansätze aufzeigen konnte, wurde der Austausch der verschiedenen Perspektiven zur Evaluation von Krebsfrüherkennungsprogrammen sowohl von den Podiumsmitgliedern als auch von mehreren Teilnehmenden als wertvoll hervorgehoben. Dies war auch ein erklärtes Ziel dieses Forums und wird vom EbM-Netzwerk weiterverfolgt. Ebenso wird das EbM-Netzwerk die Forums-Reihe fortsetzen. Die nächste Veranstaltung dieser Art ist für den Herbst 2026 geplant, dann zum Thema „EbM und Künstliche Intelligenz“.