Von der Evidenz zur besseren Entscheidung: Carl Heneghan über 30 Jahre EbM

06.10.2026. In seiner Keynote beim Kongress „Gesundheit gestalten“ blickte Prof. Carl Heneghan auf 30 Jahre Evidenzbasierte Medizin zurück. Seine zentrale Botschaft: Heute geht es nicht mehr nur darum, Evidenz in die Medizin zu bringen, sondern vertrauenswürdige Evidenz zu erkennen, ihren Missbrauch zu verhindern und bessere Entscheidungen zu ermöglichen.

Beim gemeinsamen Kongress von DEGAM, DGSMP, DGMS und EbM-Netzwerk in Göttingen gestaltete das EbM-Netzwerk die erste Keynote-Session. Prof. Carl Heneghan, Hausarzt und Direktor des Centre for Evidence Based Medicine an der University of Oxford, hielt seine Keynote virtuell. Moderiert wurde die Session von Prof. Thomas Kühlein.

Unter dem Titel „Evidence-Based Medicine at 30: Progress, Limitations, and Future Directions“ zeigte Heneghan, wie sehr sich die Herausforderungen der EbM verändert haben. Während es vor 30 Jahren vor allem darum ging, wissenschaftliche Evidenz überhaupt in die Versorgung zu integrieren, steht heute eine kaum noch überschaubare Menge an Forschung zur Verfügung. Mehr Publikationen bedeuten jedoch nicht automatisch mehr verlässliches Wissen.

Heneghan verwies auf weiterhin bestehende Probleme wie selektive Publikation, eine verzerrte Evidenzbasis und Forschung, die für klinische Entscheidungen nur begrenzten Nutzen hat. [1] Er demonstrierte dies am Beispiel von Oseltamivir (Tamiflu) gegen das Influenzavirus. Laut einem Cochrane Review, an dessen Erstellung er beteiligt war, führte das Medikament zwar zu einer moderaten Verkürzung der Symptomdauer, überzeugende Belege für eine Verringerung von Pneumonien oder Krankenhauseinweisungen fehlten jedoch. Dennoch wurde Oseltamivir von Regierungen in großen Mengen bevorratet. [2]

Ein weiterer Schwerpunkt war die Überversorgung. Heneghan zeigte, wie Überdiagnostik durch immer sensitivere diagnostische Tests und immer niedrigere Grenzwerte zu mehr Diagnosen und Therapien führen kann. Zugleich stellte er die Frage, warum Überversorgung weiterhin stattfindet. Als Ursachen nannte er unter anderem eine verzerrte Evidenzbasis, den festen Glauben an den Nutzen von Screening-Maßnahmen, finanzielle Anreize, die Ausweitung von Leitlinien und eine verbreitete Kultur des „Mehr ist besser“.

Was wir dringend brauchen, so Heneghan, ist vertrauenswürdige Evidenz mit relevanten Endpunkten – eine Evidenz, die auch ein Weniger an Medizin unterstützen kann – sowie kompetente Klinikerinnen und Kliniker, die am Schnittpunkt zwischen Evidenz und Versorgung kluge individuelle Entscheidungen treffen. Eine zentrale Aufgabe werde darin bestehen, den Missbrauch von Evidenz zu verhindern.

Auf seiner Schlussfolie brachte Heneghan die Entwicklung unter der Überschrift „From Evidence to Better Decisions“ auf den Punkt:

1995: Wie bekommen wir Evidenz in die Medizin?
2026: Wie erkennen wir vertrauenswürdige Evidenz und verhindern ihren Missbrauch?
Die nächsten 30 Jahre: Kann Evidenz uns helfen zu entscheiden, wann wir handeln sollten – und wann nicht?

Damit formulierte Heneghan zugleich eine zentrale Aufgabe für die Zukunft der Evidenzbasierten Medizin: Evidenz soll nicht möglichst viele medizinische Maßnahmen begründen, sondern bessere Entscheidungen ermöglichen – einschließlich der Entscheidung, nicht zu handeln.

 

[1] Goldacre B, Heneghan C. How medicine is broken, and how we can fix it. BMJ 2015;350. Online unter: https://www.bmj.com/content/bmj/350/bmj.h3397.full.pdf

[2] Jefferson T, Jones MA, Doshi P, Del Mar CB, Hama R, Thompson MJ, Spencer EA, Onakpoya IJ, Mahtani KR, Nunan D, Howick J, Heneghan CJ. Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in adults and children. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 4. Art. No.: CD008965. Online unter: https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD008965.pub4/pdf/abstract

 

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