Journalistenpreis „Evidenzbasierte Medizin in den Medien“ 2026 für Florian Sturm
Seit 2009 vergibt das EbM-Netzwerk den Journalistenpreis „Evidenzbasierte Medizin in den Medien“. Ausgezeichnet werden journalistische Arbeiten, die Prinzipien, Anforderungen oder Umsetzung evidenzbasierter Medizin (EbM) fundiert, verständlich und relevant vermitteln.
Der diesjährige Preisträger Florian Sturm zeigt in seinem Beitrag, wie manipulierte Daten, gefälschte Abbildungen und fingierte Studien die Wissenschaft zunehmend unter Druck setzen. Im Zentrum steht dabei nicht nur individuelles Fehlverhalten, sondern ein System aus Fehlanreizen: Publikationsdruck, die Orientierung an Kennzahlen wie Impact Factor, h-Index und Zitationsmetriken, überlastete Qualitätssicherungsverfahren sowie ökonomische Interessen im wissenschaftlichen Publikationssystem.
Besonders deutlich wird die Relevanz für die evidenzbasierte Medizin dort, wo Sturm die Biomedizin als einen besonders anfälligen und folgenreichen Bereich beschreibt. Gefälschte oder manipulierte Studien können Forschungsbudgets binden, wissenschaftlichen Fortschritt behindern, die Entwicklung von Medikamenten und Therapien beeinflussen und das Vertrauen in Wissenschaft beschädigen. Schon jetzt werden diese Probleme durch künstliche Intelligenz verschärft, weil sich damit täuschend echte, aber wissenschaftlich schwache Texte schneller erstellen lassen.
Die Jury hob besonders die Tiefe und Breite der Recherche hervor, die ein Teil seines mehrfach ausgezeichneten Langzeitprojekts „Angriff auf die Wahrheit“ ist, an dem er weiterhin arbeitet. Sturm ordnet prominente Einzelfälle ein, geht aber zugleich über diese hinaus und macht sichtbar, wie strukturelle Überforderung, fehlende Anreize zur konsequenten Kontrolle und ein auf Masse ausgerichtetes Wissenschaftssystem wissenschaftliches Fehlverhalten begünstigen. Der Beitrag zeigt damit eindrücklich, warum wissenschaftliche Integrität eine zentrale Voraussetzung für evidenzbasierte Medizin ist.
„Ein exzellenter Artikel mit höchster Relevanz für die evidenzbasierte Medizin“, so die Einschätzung aus der Jury. Der Beitrag greife eine Debatte auf, die das EbM-Netzwerk seit Jahren begleitet: Schon die Jahrestagung 2017 stand unter dem Motto „Klasse statt Masse – wider die wertlose Wissenschaft“. Mit dem Blick auf Paper Mills, KI-gestützte Fälschungsmöglichkeiten und unzureichende Qualitätssicherung zeigt Sturm, wie aktuell und drängend diese Fragen weiterhin sind.
Die Einreichungen zum Journalistenpreis waren auch in diesem Jahr sehr vielfältig. Sie reichten von Print- und Online-Beiträgen über Fernsehformate und Podcasts bis hin zu Kurzvideos auf Social Media. Diese Bandbreite stellte die Jury vor eine besondere Herausforderung, weil journalistische Qualität je nach Format unterschiedlich sichtbar wird und jedes Format eigene Stärken hat.
Besonders beeindruckt zeigte sich die Jury auch vom Beitrag von Dale-Jasper Kientopf für den funk-Kanal „Know & Grow“: „@christian.wolf – Kreatin fürs Gehirn? Was die Wissenschaft wirklich zeigt“. In dem TikTok-Video ordnet Kientopf, der selbst aktuell in Hamburg Medizin studiert, anhand der aktuellen Studien- und Datenlage ein verbreitetes Versprechen aus dem Fitness- und Supplementbereich ein: dass Kreatin die kognitive Leistungsfähigkeit verbessere. Er zeigt verständlich und prägnant, dass es dafür bislang keinen nachgewiesenen Vorteil gibt.
Die Jury würdigt diesen Beitrag ausdrücklich als gelungenes Beispiel evidenzbasierter Aufklärung in sozialen Medien. Gerade auf Plattformen wie TikTok, auf denen viele Mythen und Werbeversprechen zu Nahrungsergänzungsmitteln, Medikamenten und gesundheitsbezogenen Trends kursieren, erreicht „Know & Grow“ eine junge und besonders relevante Zielgruppe. Die große Resonanz auf das Video zeigt, dass wissenschaftliche Fakten, Statistik und kritische Einordnung auch dort auf Interesse stoßen, wo laute Werbebotschaften und Influencer-Meinungen häufig dominieren.
Mit der Auszeichnung von Florian Sturm und der besonderen Würdigung des Beitrags von Dale-Jasper Kientopf macht das EbM-Netzwerk deutlich: Evidenzbasierter Journalismus ist in vielen Formaten möglich und notwendig — in der langen investigativen Recherche ebenso wie in der kurzen, pointierten Aufklärung auf Social Media.
Die Preisverleihung findet im Rahmen der kommenden Jahrestagung statt, die vom 30.09. bis 02.10.2026 in Göttingen durchgeführt wird (gemeinsame Jahrestagung von vier Fachgesellschaften: der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), der Deutschen Gesellschaft für Medizinischen Soziologie (DGMS) und dem EbM-Netzwerk).
Zum ausgezeichneten Beitrag:
Florian Sturm: „Wie Betrug die Wissenschaft überschwemmt“, erschienen am 30.12.2025 bei Spektrum.de
Mehr über den Wissenschaftsjournalisten Florian Sturm: www.florian-sturm.com

Florian Sturm © Christoph Kuenne